Das VDI Forum 2018: Leben und Arbeiten wieder vereinen

links: VDI-Direktor Dipl. Wirtsch.-Ing. Ralph Appel. Auf dem Podium v.l.n.r.: Dr.-Ing. Christian Jacobi, Kurt Kapp, Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner, Dipl.-Ing. Michael Hertwig und Dipl.-Ing. Jean Haeffs. Fotos: VDI/ Stefan Schumacher

Das VDI Jahresthema ist omnipräsent: Nicht nur die Ausgabe 01/2019 des VDI/VDE-Magazins „Technik in Bayern“ wählte als Schwerpunktthema „Urbane Produktion und Logistik“, auch das alljährliche Forum der VDI Landesvertretung stand diesmal unter dem Motto „Produktion in der Mitte der Gesellschaft“. Veranstaltet wurde es am 20. November gemeinsam mit dem VDI Bezirksverein München und dem VDI e.V. im Oskar von Miller Forum München.

Nach der Begrüßung von Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner, dem Vorsitzenden des VDI LV Bayern, gab Dipl. Wirtsch.-Ing. Ralph Appel, der Direktor des VDI e.V., Düsseldorf, einen kurzen Abriss des Jahresthemas, der wieder belebten Symbiose von Leben und Arbeiten.

Als Vertreter der Kommunen zeigte sich der Münchner Stadtdirektor Kurt Kapp in seinem Grußwort überrascht und hoch erfreut über die Initiative der Ingenieure zu diesem städteplanerisch oft zu einseitig behandelten Thema. Er betonte, dass in seinen Aufgabenbereich als Leiter der Wirtschaftsförderung auch die sehr langwierigen Gewerbeentwicklungsprogramme fallen.

Nach dem Impulsvortrag „Leben und Arbeiten im Zeitalter der Digitalen Transformation“ von Prof. Fottner sprach Dr.-Ing. Christian Jacobi, Geschäftsführender Gesellschafter agiplan GmbH, Mühlheim an der Ruhr über „Herausforderung und Chancen für die Stadt der Zukunft“, bevor Jean Haeffs, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL), Düsseldorf, das Jahresthema „Produktion und Logistik in der Mitte der Gesellschaft“ und die zugehörigen VDI Standpunkte nochmals ausführlich beschrieb. 

Im Referat über „Urbane Produktion - Symbiose zwischen Leben und Arbeiten“ stellte Dipl.-Ing. Michael Hertwig vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart, einige interessante Modelle für einen geänderten Individualverkehr vor. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet, bevor die angeregte Diskussion beim ausgedehnten Abendimbiss fortgesetzt wurde.

Nachdem die Zeit auf dem Podium begrenzt, der Diskussionsbedarf jedoch groß war, haben wir bei den Experten des Abends noch einmal nachgefragt.

VDI: Herr Kapp, in Ihrem Vortrag haben Sie angedeutet, dass die Stimme der Ingenieure im Themenkomplex des heutigen Abends noch etwas leise ist. Was wünschen Sie sich hier für die Zukunft?

Kurt Kapp: Ich komme aus der Wirtschaftsförderung.
Wir haben sehr viel mit Städteplanung zu tun und der Sachverstand der Ingenieurszunft kommt in der öffentlichen Diskussion, wie ich sie wahrnehme,
noch ein bisschen zu wenig vor und ich würde mir wünschen,dass sich der Verein noch stärker einbringt, was sicher sehr gewinnbringend wäre.

VDI: Logistik wird häufig vor dem Hintergrund von Produktion und Wertschöpfung betrachtet. Dr. Jacobi, Inwiefern geht es auch um Konzepte zur Versorgung der Menschen in Ballungsräumen?

Dr. Jacobi: Aus der fortschreitenden Urbanisierung und Digitalisierung der Gesellschaft er-wächst ein akuter Handlungsdruck in der Logistik. Die Konsequenzen für die städtische Wirt-schaft und die Bürger wären enorm, wenn der Warenverkehr aufgrund überlasteter Straßenverkehrsnetze nicht mehr verlässlich sichergestellt ist.

Daher sind innovative Konzepte, die die Versorgung von Menschen in den Städten sicherstellen, eine Herausforderung nicht nur für die Logistik, sondern für alle relevanten Akteure – wie etwa die Politik, Verwaltung, Industrie und Handel.

Da wir davon ausgehen, dass der E-Commerce zukünftig weiter stark wachsen wird und die Ansprüche der Kunden an schnelle und verlässliche Lieferungen eher größer als kleiner werden, sind neue Wege in der Versorgung zwingend notwendig.

Die Entwicklung im E-Commerce ist ja auch nicht steuerbar; so sind urbane Versorgung und Logistik herausgefordert, sich dem schnell wachsenden Markt, insbesondere im E-Food-Bereich zu stellen und auch in Zukunft probate Lösungen zu schaffen.  

VDI: Sie hatten in Ihrem Vortrag auch den Bereich Fresh-Food angesprochen. Die Wachstumsrate liegt derzeit bei jährlich 20 Prozent, wobei dieser Wert natürlich exponentiell steigt. Das sind rasante Marktveränderungen. Was nehmen Sie heute aus dem VDI Forum mit, auch nach der Diskussion, bei der ausgewiesene Experten auf diesem Themengebiet und Vertreter der Politik auf dem Podium zusammensaßen? Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Ansatzpunkte?

Dr. Jacobi: Wir müssen zusehen, dass wir neuen Technologien, sobald sie ausgereift sind, zügig eine Chance geben. Aktuell werden moderne Lösungen deutlich zu langsam umgesetzt. Dies gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Verwaltung und die Politik. Hier wünsche ich mir den Mut, die durchaus vorhandenen innovativen Ideen tatsächlich auszurollen und sich nicht im Detail zu verstricken oder darüber nachzudenken, welche Restriktionen im nächsten Schritt damit einhergehen könnten. 

Ein weiterer Ansatzpunkt betrifft die Branche der KEP-Dienste (Kurier-Express-Paketdienst). Diese Unternehmen sollten investieren und einen Schritt nach vorne machen – und zwar so-wohl im eigenen Umfeld, als auch in Kooperationen. In enger Zusammenarbeit ergeben sich zusätzliche Chancen, Innovationen kostengünstiger und schneller zum eigenen Wohle und dem der Bürger umzusetzen. 

VDI: Herr Hertwig, warum wollen wir die Produktion „zurück“ zu den Menschen holen? Und in welchem Spannungsfeld steht diese Vorstellung zu einem Schlagwort wie Vollautomatisierung?

Michael Hertwig: Das Thema Vollautomatisierung wäre denkbar, wenn wir das Thema Digitalisierung ganz und vollumfänglich schaffen.

Ich glaube da nicht dran. Umso wichtiger ist es, die Verbindung zwischen Leben und Arbeiten – also da Thema des heutigen Abends – sorgfältig zu durchdenken und an dessen Umsetzung zu arbeiten.

Wer hier gute Ansätze findet, kann auch die negativen Aggressionseffekte des Alltags reduzieren, die insbesondere im Bereich der Individualmobilität eine große Rolle spielen – etwa Aggressionen im täglichen Berufsverkehr, wenn man sich durch das hohe Verkehrsaufkommen und die Fahrweise der Mitmenschen stark eingeengt fühlt.

Ein Potenzial, das mit der Arbeit im urbanen Raum einhergeht, sehe ich im positiven Beitrag, den ein Unternehmen über die Wirtschaftskraft der einzelnen Personen leisten kann.

Es ist die Kombination solcher Ansätze, die zeigen, warum Produktion wieder im stadtnahen Raum stattfinden muss. Heute haben wir die Tools dafür. Die Digitalisierung bietet uns die richtigen Ansätze und die richtigen Möglichkeiten, um neue Organisationsformen zu finden.

VDI: Und welche Hebel sind aus Ihrer Sicht die richtigen, um solche Möglichkeiten an die Industrie heranzutragen? Was muss geschehen, damit die von Ihnen beschriebenen, positiven Effekte auch gesehen und als Potenziale gehoben werden können?

Michael Hertwig: Ich glaube, es steht und fällt mit dem Unternehmer – mit dem Verantwortlichen. Wenn der für sich und für sein Unternehmen keinen Mehrwert darin sieht, werden wir hier nichts erreichen. Alle Projekte, die wir bis jetzt gemacht haben, sind immer durch den jeweiligen Gesellschafter initiiert oder gefördert worden, der gesagt hat: wir müssen etwas für unser Umfeld tun.

Die Beweggründe dafür waren entweder sozial oder wirtschaftlich motiviert. In beiden Fällen waren das die besten Projekte, weil am Schluss etwas dabei rausgekommen ist, das generell einen größeren Mehrwert geschaffen hat.