Die Venusgrotte: Illusionskunst und High-Tech im 19. Jahrhundert

Am 18. Oktober 2018 drehte sich im akademischen Gesangsverein München alles um jenen Monarchen der Bayern, der über die Landesgrenzen hinaus bereits Mitte des 19. Jahrhunderts für Furore sorgte: König Ludwig II.

Dr. Alexander Wiesneth, Oberkonservator bei der Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen und Lehrbeauftragter an der LMU München, der unter anderem bei der aufwendigen Sanierung der Venusgrotte beteiligt ist, nahm die Anwesenden an diesem Abend mit auf einen virtuellen Rundgang durch das einzigartige Bauwerk, dessen Sanierung derzeit läuft. Frühestens 2022 wird die Grotte wieder der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Im Zentrum des Vortrags, zu dem der Leiter des Arbeitskreises Technikgeschichte des VDI Bezirksvereins Peter Baier geladen hatte, stand die Frage, um was es sich bei diesem außergewöhnlichen Bauwerk eigentlich handelt – um eine Parkstaffage, eine Theaterbühne oder um eine Grottenanlage im historischen Landschaftspark?

Die Suche nach der perfekten Illusion als Leitmotiv

Bereits 1877 war die Venusgrotte von Schloss Linderhof erstmals funktionsfähig. Um das Gesamtkunstwerk zu verstehen, sei es Alexander Wiesneth zufolge neben der Erläuterung der Funktionsweise essenziell, die Umstände seiner Entstehung und die damit verbundenen Absichten des Bauherren zu beleuchten.

Obwohl seine Bauabsichten höchst Innovatives, wie etwa das erste Elektrizitätswerk hervorbrachten, ging es ihm selbst anscheinend weniger um die technische Umsetzung seiner Visionen. Ihm ging es einzig um deren Wirkung. Seine Pläne galten nichts weniger, als dem Schönen selbst: „Die Menschen sollen wissen, dass hier das Schöne entstanden ist, nur um der Schönheit willen, zwecklos das Schöne“, wurde Ludwig II. an diesem Abend trefflich zitiert.

Folgt man den Ausführungen Wiesneths, der die technischen Funktionen der Grotten-Elemente luzide und äußerst kurzweilig erläuterte, wird schnell klar, dass Ludwig II keine Rücksicht auf künstlerische Freiheiten ließ. Er war kein gewöhnlicher Bauherr, sondern ein Regisseur, der seine Angestellten präzise zu orchestrieren wusste. Selbst am fertigen Objekt ließ er immer weitere Veränderungen vornehmen und seine Vorstellungen beständig optimieren.

Die Wirkung als Maß aller Dinge

Nur mit Berücksichtigung dieser besonderen Vorgehensweise beim Bau sei die Außergewöhnlichkeit dieses, aber auch aller anderen Bauten von Ludwig II laut Wiesneth angemessen zu begreifen. Keine seiner Bauten hatten eine staatspolitische Funktion; sie wurden nur für ihn gebaut.

Es scheint, als habe gerade diese Intention, durch Technik und Kunst irdische Paradiese zu schaffen, in seinen Bauten Gestalt angenommen. Es ist die Sehnsucht nach einer perfekten Welt, die der Mensch durch technische Mittel selbst erschaffen kann, ein Leitmotiv des 19. Jahrhunderts.

Wer sich für diese und andere Bauwerke des Bayern-Königs interessiert, hat noch bis 13. Januar 2019 Gelegenheit, die Ausstellung zu den Bauten von König Ludwig II. im Architekturmuseum der Technischen Universität München anzuschauen. Sie wurde anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der TUM geplant und beleuchtet bis zum 13. Januar 2019 erstmals das gesamte Architekturgeschehen im Königreich Bayern während der Regentschaft des Hochschulgründers.

(v.l.) Arbeitskreisleiter Peter Baier mit dem Referenten Dr. Alexander Wiesneth und den Beiräten der Technikgeschichte Gerhard Seiler und Dr. Ulrich Fligge nach dem Vortrag.